"Starke Gewerkschaften werden mehr denn je gebraucht": Nora Back über Wiederwahl, Herausforderungen und den Kampf für Rechte

Getty Images
Nora Back, die wiedergewählte Präsidentin der größten luxemburgischen Gewerkschaft OGBL, sieht in dem Ergebnis von 97,88 % der Stimmen nicht nur eine Anerkennung, sondern ein Zeichen des Zusammenhalts. "Es war ein schöner Kongress, wir haben gespürt, dass die Delegierten uns unterstützen und bereit für die Zukunft sind", sagte sie gegenüber L'essentiel.
Die Gewerkschaften seien einem noch nie dagewesenen Druck seitens der Regierung ausgesetzt. Zum ersten Mal seit 40 Jahren werden Löhne, Renten, Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten gleichzeitig angegriffen. In diesem Zusammenhang unterstreicht eine so hohe Unterstützung nur die Entschlossenheit der Mitglieder, sich zusammenzuschließen. "Ich bin froh, dass es nicht 100 Prozent sind", scherzt Beck und betont, dass die Entscheidungen in der OGBL nicht von oben herab getroffen werden, sondern durch die demokratische Beteiligung von Freiwilligen - Arbeitnehmern aus verschiedenen Unternehmen, Berufen und Status.
Laut Back wird der Bedarf an starken Gewerkschaften im modernen Europa immer größer. Vor dem Hintergrund globaler Krisen, autoritärer Tendenzen und sozialer Ängste seien die Gewerkschaften nach wie vor die wichtigste Kraft des demokratischen Gegengewichts. Dies wurde auch durch die Worte von EU-Kommissar Nicolas Schmit bestätigt, der die OGBL auf dem Kongress unterstützte.
Back betont, dass sich die Gewerkschaft an das digitale Zeitalter, die ökologischen Herausforderungen und den Wandel auf dem Arbeitsmarkt anpasst. Die Einheit mit der anderen großen Gewerkschaft LCGB bleibt in einer Reihe von Bereichen entscheidend.
Als eine der größten Bedrohungen nennt sie einen Angriff auf die Tarifverhandlungen. Ihrer Meinung nach hat die Regierung eine "rote Linie" überschritten, die sowohl das Tarifvertragssystem selbst als auch die gewerkschaftliche Vertretung betrifft. Besonders kritisch sieht sie die Tatsache, dass das Programm der liberalen DP-Partei, die am weitesten von den Interessen der Arbeitnehmer entfernt ist, die Grundlage der Koalitionsvereinbarung bildet: "Es geht um verlängerte Arbeitszeiten, kürzere Pausen und totale Flexibilität nach dem Willen des Arbeitgebers - das ist schrecklich für die Arbeitnehmer."
Auch die Rentenreform, zu der die OGBL einen eigenen analytischen Bericht erstellt hat, gibt Anlass zur Sorge. Ein weiteres besorgniserregendes Signal ist der Gesetzentwurf zur Einschränkung des Demonstrationsrechts, der unter dem Vorwand von Pandemieereignissen verfasst wurde. "Er schafft unnötige Hindernisse für die freie Meinungsäußerung", so Beck.
Die Gewerkschaft, so Beck, sei nicht nur in der Defensive, sondern ergreife konkrete Initiativen. Neben dem Rentenbericht wurde auch ein Entwurf zur Aktualisierung des Tarifvertragsgesetzes vorgestellt. Die OGBL will ein moderner Akteur sein, der in der Lage ist, sich den Herausforderungen anzupassen - aber auf der Grundlage eines gleichberechtigten Dialogs.
Was die Flexibilität der Arbeitskräfte angeht, so sagt Back, dass Kompromisse möglich sind, aber nur durch Tarifverträge: "Andernfalls werden die Arbeitgeber einseitig Bedingungen auferlegen. Flexibilität sollte auf Gegenseitigkeit beruhen und nicht nur eine Partei begünstigen.