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Luxtoday

Luxemburgs Finanzmodell bricht unter dem Druck zusammen

Zuletzt aktualisiert
09.02.26
Ministers of finance meeting in Luxembourg

Ibrahim Rifath, Unsplash

In ihrem analytischen Artikel „The Luxembourg Pivot: How a Country in Crisis Could Become Europe’s Sovereignty Engine” (Der Wandel Luxemburgs: Wie ein Land in der Krise zum Motor der Souveränität Europas werden könnte) beschreibt die Autorin Leesa Soulodre die tiefe Kluft zwischen der öffentlichen Debatte über die Krise des luxemburgischen Modells und den tatsächlichen Maßnahmen des Staates. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Luxemburg über die übliche Kombination aus Finanzsektor, Einwanderung und Beschäftigungswachstum hinaus eine Zukunft hat.

Die Diagnose der aktuellen Lage ist düster. Die Steuerreform kostet den Haushalt jährlich 1,4 Milliarden Euro und wird durch Schulden finanziert, während die Zentralbank bis 2028 mit einem Rückgang der Steuereinnahmen rechnet. Die Reserven der Krankenkasse (CNS) könnten bis 2027 aufgebraucht sein, das Rentensystem in etwa 22 Jahren. Ihre Nachhaltigkeit erfordert ein Beschäftigungswachstum von 2,6 bis 3 %, während das tatsächliche Wachstum kaum 1 % erreicht. Ein zusätzliches Risiko ist die hohe Konzentration der Einnahmen: 71 % der Unternehmenssteuern stammen aus dem Finanzsektor, und die zweitwichtigste Quelle staatlicher Einnahmen sind nach wie vor Tabakverkäufe mit 1,9 Milliarden Euro pro Jahr.

Vor diesem Hintergrund stellt der Autor ein Paradoxon fest: Parallel zur Krise des alten Modells baut Luxemburg still und konsequent eine Infrastruktur auf, die den Anforderungen Europas in Bezug auf Souveränität perfekt entspricht. Dabei geht es nicht um „klassische“ industrielle Macht, sondern um intellektuelle und regulatorische Fähigkeiten – Computing, Daten, Compliance und Risikomanagement.

Zu den Schlüsselelementen gehört MeluXina-AI, eine von sieben europäischen KI-Fabriken mit einer Rechenleistung im Exaflop-Bereich, die sich in zertifizierten Rechenzentren in Bissen und Bettembourg befindet. Das Projekt wird mit 60 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln kofinanziert und durch den bestehenden MeluXina-HPC-Supercomputer und das derzeit im Aufbau befindliche MeluXina-Q-Quantensystem ergänzt. All dies wird vom nationalen Betreiber LuxProvide verwaltet, wodurch der Stack nach europäischen Maßstäben einzigartig integriert ist.

Auch die Finanzkomponente unterstreicht den strategischen Wandel. Im Januar 2026 gab Luxemburg die erste staatliche Verteidigungsanleihe in Nachkriegseuropa im Wert von 150 Millionen Euro aus, die vollständig auf dem Markt platziert wurde. Gleichzeitig wird über die SNCI ein Doppelfunktionsfonds in Höhe von 40 Millionen Euro aufgelegt. Der Hauptsitz des NATO-Innovationsfonds, dem ersten multinationalen Risikokapitalfonds für Start-ups im Verteidigungsbereich, befindet sich ebenfalls in Luxemburg, und die nationale Cloud Clarence bietet diesen Initiativen Datenschutz auf staatlicher Ebene.

Die Kernaussage des Textes lautet, dass Europa dringend weniger neue Fabriken oder Waffen als vielmehr eine souveräne „intellektuelle Infrastruktur“ benötigt: Plattformen für die Einhaltung des EU-KI-Gesetzes, der CSRD-Berichterstattung und der Lieferkettenanalyse gemäß dem Gesetz über kritische Rohstoffe. Diese Anforderungen werden bis 2026–2028 mehr als 50.000 Unternehmen betreffen, wobei die bestehenden Lösungen weitgehend von der amerikanischen Infrastruktur abhängig sind. Hier kann Luxemburg laut dem Autor eine zentrale Rolle übernehmen, indem es auf seine Erfahrungen in den Bereichen Finanzregulierung, Rechenzentren und Nähe zu den europäischen Institutionen zurückgreift.

Soulodre betont, dass eine solche Verlagerung auch die Finanzmathematik verändern könnte: Hochqualifizierte Fachkräfte in den Bereichen Compliance, KI-Management und Regulierungsanalyse generieren eine deutlich größere Steuerbasis pro Mitarbeiter als ein umfangreiches Wachstum der Beschäftigung im öffentlichen Sektor. Ihrer Meinung nach fehlt jedoch das Wichtigste, damit dies geschehen kann: eine kohärente politische Erzählung, die Investitionen in staatliche Infrastruktur nicht als Außen- oder Verteidigungspolitik, sondern als neuen Motor für Wirtschaftswachstum darstellt.

Die Schlussfolgerung des Autors ist glasklar: Das alte Luxemburger Modell neigt sich zwar dem Ende zu, aber ein neues Modell tritt bereits an seine Stelle. Die Frage ist nicht, ob sich das Land diesen Wandel leisten kann, sondern ob es dessen strategische Bedeutung versteht und bereit ist, die Umsetzung des bereits Begonnenen zu beschleunigen.

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09.02.26

Fotos aus diesen Quellen: Ibrahim Rifath, Unsplash

Autoren: Alex Mort